Wenn ich Äußerungen lese wie: „Die deutschen Atomkraftwerke sind die sichersten der Welt und werden nun noch sicherer gemacht“, die Volker Kauder [Bundestagsrede am 17.03.2011] zugeschrieben wird, dann frage ich mich als Sicherheitstechniker:
Wie sicher muss eine Technologie sein, damit man sie verantwortungsbewusst einsetzen kann?
Alle Expertenmeinungen liegen meist auf dem vollen Spektrum der Möglichkeiten, soll heißen, zu jedem Thema lässt sich ein Experte finden, der sogar schlüssig entgegen der Lehrmeinung argumentieren kann, auf den aber erst gehört wird, wenn denn tatsächlich mal praktisch ein Fall eintritt, den er theoretisch aufgeführt hat.
Vor der (Un-)Sicherheit bezüglich Erdbeben wurde also von einem Experten schon 2008 gewarnt [WikiLeaks]. Wie ignorant kann eine Gesellschaft bzw. können deren Vertreter sein? Fakt ist, eine Einzelmeinung gilt nicht, denn Warnungen über die Gefahren der Atomkraft gibt es auch in Deutschland ausreichende, trotzdem wird munter weiter gespalten. Und das ist – grundsätzlich – auch richtig, denn niemals können alle Bedenken restlos ausgeräumt werden. Mindestens einer wird immer zweifeln.
Komme ich mal auf die Basis, was als gesichert angesehen werden kann:
- Eine absolute Sicherheit gibt es nicht.
- Alles was passieren kann, wird früher oder später passieren.
- Wo Menschen arbeiten, können Fehler gemacht werden. Systeme, die von Menschen erdacht werden, können somit im Zweifelsfall auch nur als „fehlerbehaftet“ angesehen werden.
- Menschen sind unberechenbar – die Natur erst recht.
Und nun zum „klassischen“ Risikobegriff: Riskio = Eintritswahrscheinlichkeit x Schadensausmaß
Eine Eintrittswahrscheinlichkeit lässt sich für so ziemlich alles mathematisch ziemlich exakt bestimmen. Eine Eintrittswahrscheinlichkeit „Null“ theoretisch nicht denkbar. Selbst den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass heute Nachmittag Außerirdische unsere politische Führung entführen und diese geläutert und mit Lösungen für alle Probleme der Welt zurückkehrt, können wir nicht mit absoluter Sicherheit (die es laut Prämisse s.o. ja nicht gibt) ausschließen. Ergo gibt es eine berechenbare Eintrittswahrscheinlichkeit.
Das Schadensausmaß ist ebenfalls schwer quantifizierbar, da hier unterschiedliche Wertesysteme eine Rolle spielen. Geld, Menschenleben, Umweltfaktoren, … Konzentriert man sich da auf einen einzigen, stößt man unweigerlich auf die Frage, welchen Geldwert ein Menschenleben hat oder wie viele Menschenleben man pro m³ sauberen Trinkwassers gegenrechnen würde. Letztlich bleibt aber bei jedem Ereignis, dass irgendetwas bewirkt, eine Auswirkung, die in der einen oder anderen Sichtweise einen „Schaden“ darstellt.
Tatsache ist, solange beides nachweislich über Null liegt, bleibt auch das berüchtigte „Restrisiko“.
Ob ein Restrisiko als vertretbar angesehen wird, liegt dabei aber nicht nur an der reinen „Zahlengröße“. Als Beispiel sollen hier etwa die Verkehrstoten zählen, deren Zahl in den bislang etwa 50 Jahren Atomkraft selbst die großzügigste Schätzung der direkten und indirekten Toten und Verletzten/Erkrankten des Tschernobyl-Gaus (sogar unter Einschluss der Verdachtsfälle von Einwohnern etc. anderer Kerntechnsicher Anlagen) weit übersteigt. Trotzdem setzen wir uns mit einem Gefühl der Unverwundbarkeit Tag für Tag hinter das Steuer unseres Autos oder gehen zumindest aus dem Haus und überqueren zu Fuß die Straße. Hier sprechen wir unserem eigenen Verhalten einen Einfluss auf das Ausgehen der angestrebten Situation zu. Grundsätzlich richtig, aber mathematisch gesehen bleibt jede Straßenüberquerung potentiell tödlich. Youtube ist voll mit Unfallaufnahmen, in denen ein unbeteiligter Passant nur knapp einem heranschießendem Auto entgangen ist.
Also wo liegt der Unterschied? Wir Menschen beherrschen weder das Autofahren, noch die Kernspaltung. Wer eines von beidem behauptet, der macht sich in meinen Augen unglaubwürdig. Es ist nicht so, dass sich nicht nach jeder Katastrophe eine Ursache ermitteln lässt. Nur leider hilft das nicht dabei, die Katastrophe ungeschehen zu machen. Auch wenn ich hinterher weiß, dass meine Bremsleuchte kaputt war und deswegen der Hintermann aufgefahren ist, schützt mich das nicht davor, erneut einen Unfall zu haben, weil ein anderer Verkehrsteilnehmer eine rote Ampel übersehen hat. Ja, genau, zwei Fehler, die nicht vorkommen dürfen, dies aber täglich hundertfach tun. Was ist mit den Fehlern, die in Atomkraftwerken nicht vorkommen dürfen? Halten diese sich an das „Wir müssen draußen bleiben“-Schild am Eingang? In meiner Berufspraxis erlebe ich immer wieder aufs neue, wie in Teams mit 5-15 Experten Gefährdungsbeurteilungen erarbeitet werden, bei denen am Ende vielleicht die Putzfrau beim Tafelwischen eine Schwachstelle feststellt. Gnade uns Gott, wenn die Putzfrau bei der Planung der AKW’s aus Kosteneinsparungsgründen nur kroatisch lesen kann.
Und was bei der aktuellen „Diskussion“ mal wieder völlig außer Acht gelassen wird ist die Fragestellung zur Entsorgung und „dauerhaft“ sicheren Einlagerung. Die Mär von „sicheren“ Endlagern kann wohl kaum noch aufrecht gehalten werden, wo doch erwiesenermaßen noch nicht einmal eine sichere Zwischenlagerung für nur eine Generation gewährleistet werden kann. Ja sicher, da ist auch wieder etwas falsch gelaufen, aber auch wieder etwas, was entweder kein Experte bedacht hat oder was eben als „zu unwahrscheinlich“ klassifiziert und gemeinschaftlich ignoriert wurde.
Da muten Fragestellungen der Befürworter „Wenn jetzt alle AKW’s zurückgebaut werden, wohin dann mit dem ganzen verstrahlten Bauteilen“ wirklich witzig an, denn der während des Betriebes viel stärker strahlende Einsatzstoff kann in Ihren Augen ja sicher endgelagert werden. Es kommt noch erschwerend hinzu, dass die meisten (deutschen) AKW’s ohnehin schon fast das Lebensende ihrer 40-jährigen Laufzeit erreicht haben. Allein das lässt an der Aktualität der Technik der deutschen Kratfwerke zweifeln, denn verschiedene Baugruppen, wie z.B. der Reaktorbehälter, der Sicherheitsbehälter, die Außenkuppel etc. lassen sich nicht mal so leicht – genau genommen gar nicht – gegen eine dem „Stand der Wissenschaft und Technik“ entsprechende Version austauschen. Da werden dann konstruktive und bauliche Mängel, die im Laufe der Zeit entdeckt werden, durch zusätzliche Sensoren, Sicherheitsschaltungen oder schlimmstenfalls Arbeitsanweisungen zu kompensieren versucht.
Und auch die belächelte Frage nach der „Atombombensicherheit“ der AKW’s muss angesichts der aktuellen (Bedrohungs-)Lage und Erkenntnisse erneut überdacht werden, scheinen doch Atombomben im Vergleich zu havarierten Kraftwerken verhältnismäßig wenig Schaden anzurichten.
Wer nun immer noch die „Kosten“ ins Rennen schickt, den bitte ich zunächst einmal eine um die steuerfinanzierten Beiträge zu Bau und Entsorgung sowie Rückbau bereinigte Aufstellung zu liefern, aus der der imense Kostenvorteil gegenüber herkömmlichen und regenerativen Energien (ebenso bereinigt) hervorgeht. Und ganz so alternativlos wie dargestellt ist der satte 20%-Beitrag der deutschen AKW’s zum Gesamtbedarf wohl auch nicht, könnte man allein durch den Einsatz efizientere Technik und konsequentes Stromsparen recht leicht genau diese 20% einsparen.
Hoffnung macht mir an dieser Stelle, dass nun selbst die Chinesen ihre Atompläne zumindest offiziell überdenken. Bei den Amerikanern habe ich daran ja nie wirklich geglaubt. Wer hier erneut die deutsche Vorreiterrolle beklagt, dem sei mit George Bernard Shaw begegnet, der dereinst von sich gab:
„Alle großen Wahrheiten waren anfangs Blasphemien.“
Es bleibt die Frage offen, wie groß ein „Restrisiko“ sein darf und warum ein Super-Gau alle 25 Jahre (hier sei mal der Sicherheitsgewinn durch Erfahrung und forschreitende Technik der Einfachheit halber proportional zum Anstieg der Anzahl der Reaktoren) schlimmer sein soll als die täglich tausenden von Verkehrsunfällen.