Was tut WikiLeaks eigentlich?
Sehen wir mal von den offensichtlichen Urheberrechtsverletzungen ab, aufgrund derer nun einige Anbieter die Inhalte von ihren Servern entfernen „durften“,
was ist illegal an den Veröffentlichungen?
Es ist offensichtlich, hier wurde das Vertrauen der Ersteller der Dokumente auf deren Geheimhaltung gebrochen.
Warum ist das aber illegal?
Ganz allgemein geht es um den Schutz vorMissbrauch einer Information. Schwer vorzustellen, wie eine Information, die nun aber allen zugänglich ist, missbraucht werden kann. Und ich denke, dies ist der Ansatz, der Assange mit seiner Idee verfolgt.
Alle Informationen haben einen höheren Wert, solange sie nicht jedem zugänglich sind. Werden nun die Informationen „entwertet“, indem sie allen zur Verfügung gestellt werden, wo liegt da der globale Schaden? Provokant, aber konsequent zu Ende gedacht eine echte Alternative. Selbst die Abschaffung von Unternehmensgeheimnissen würde global gesehen nur positive Auswirkungen haben, wenn es auch lokal gesehen die Entwicklungsarbeit, die der Erkenntnis von „neuen“ Informationen vorrausgeht, in ein Ungleichgewicht bringt. Da stellt sich die Frage nach der Motivation, wobei eine nachhaltige Zukunft für den Planeten und seine Bewohner zwar eine schöne Vorstellung ist, der dritte Porsche in der Garage aber eine ungleich höhere Anziehungskraft darstellt. Ja, ich denke man kann davon ausgehen, dass sich die Geschwindigkeit des Fortschrittes ohne Porsches sich durchschnittlich nicht nur auf der Straße verlangesamen würde. Zum Stillstand kommen würde er aber nicht, dafür ist der Mensch seiner Natur nach viel zu neugierig und faul. Langsamerer Fortschritt verbrennt aber auch weniger Ressourcen und ist in sich zuverlässiger, wie man an den immer kürzer werdenden Produktzyklen und die damit verbundene Zuverlässigkeit der Produkte unschwer erkennen kann.
Was soll man nun von WikiLeaks halten?
Einerseits gilt es natürlich „kleinstaatliche“ Interessen zu wahren. Außerdem ist eine Bloßstellung von Personen (die hier als berichtende nur eine untergeordnete Rolle spielen) immer mit dem Risiko einer ungerechtfertigten Diffamierung verbunden. Inwiefern das „System“ zu den Handlungen der einzelnen beiträgt, mag manchmal außer Sicht geraten. Letztlich muss sich aber jeder einzelne immer wieder erneut die Frage stellen, welche Werte des System, in dem er sich befindet, für ihn persönlich vertretbar sind und welche er aufgrund seines Werteverständnisses ablehnt. Insofern Respekt vor denjenigen (in den meisten Fällen Diplomaten), die sich nun nicht in Entschuldigungen verstricken sondern zu den Ränkespielen stehen, die aufgedeckt wurden.
Andererseits sollte in einer globalen Welt doch auch mit weitgehend offenen Karten gespielt werden können. Wenn also „geheime“ Dokumente veröffentlicht werden, in denen „vertraute“ Quellen in Misskredit gezogen werden, dann darf man sich doch auch nicht beschweren. Lügen und vorspielen falscher Tatsachen gilt dochwohl in fast allen (westlichen) Kulturen als verwerflich und nicht erstrebenswert. Hingegen gibt es im arabischen Raum ja das Verständnis, dass zu einer Täuschung immer zwei Seiten gehören, die sich die „Schuld“ zu gleichen Teilen teilen. Auch wenn ich grundsätzlich einen gewissen Charme dieses Gleichheitsgrundsatzes teilweise erliege, bin ich aufgrund meiner kulturellen Prägung in letzter Konsequenz eher an der Ansicht orientiert, dass es das Leben viel einfacher macht, wenn man ehrlich und offen miteinander umgeht und dabei Kompromisse aushandelt, die beiden Seiten weh tun, aber auch für beide Seiten erträglich bleiben.
Das nun gerade der Heilsbringer der westlichen Welt, die geschätzten und geachteten USA, die Freiheit, Demokratie und Frieden in alle reinprügeln, die sie nicht haben wollen, sich den eher westlichen Werten Ehrlichkeit und Offenheit so massiv entgegenstellen, indem eine erstarkte – wenn auch zum Glück immer noch nicht mehrheitsfähige – Sarah Palin den Gründer von WikiLeaks auf eine Stufe mit den Terroristen von AlQuaida stell, dann lässt das zwei Wertungen zu:
1. Die konsequente Verbreitung, Beachtung und Verteidigung aller als Ideale propagierten Werte der westlichen Welt ist genauso gefährlich wie deren Abschaffung.
2. AlQuaida ist gar nicht an der Zerschlagung, sondern an der Verbreitung und Stärkung der Werte der westlichen Gesellschaften interessiert.
Ich tendiere dabei zu der ersten Interpretation, denn wie durch Bush jr. eindrucksvoll bestätigt wurde, ist das amerikanische Volk gerne bereit, Werte wie Ehrlichkeit und Menschenrechte für persönlichen Profit oder zurDurchsetzung der eigenen Ideologie in den Wind zu schreiben. Traurig, wo sie doch so stolz auf die legendäre Ehrlichkeit ihres ersten Präsidenten Georg Washington sind.
Die Frage, die WikiLeaks aufwirft, die aber nur die Gesellschaft beantworten kann: Wer darf entscheiden, welche Informationen wem zugänglich sind? Schließlich wird auch von WikiLeaks wie von jedem Presseorgan permanent gefiltert, welche „geleakten“ Informationen veröffentlicht werden sollen.